Aufmerksamkeit, Natur und Legasthenie: Warum der nächste Buchstabe vielleicht vor euren Füßen liegt

Beitragsbeschreibung

6/9/20263 min read

„Er muss sich einfach besser konzentrieren.“ „Sie soll halt genauer hinschauen.“ Solche Sätze hören Eltern von Kindern mit LRS oder Legasthenie leider viel zu oft. Und irgendwann fragen sie sich vielleicht selbst: Kann sich mein Kind wirklich nicht konzentrieren?

Die Antwort lautet: Nicht so einfach. Viele Kinder mit Legasthenie sind keineswegs grundsätzlich unaufmerksam. Beobachte dein Kind einmal bei etwas, das es liebt. Beim Bauen, Basteln, Forschen, Fußballspielen oder bei seinem Lieblingsthema kann es oft erstaunlich ausdauernd und konzentriert sein. Die Schwierigkeiten zeigen sich häufig genau dann, wenn Buchstaben, Wörter oder Zahlen ins Spiel kommen. Denn Lesen und Schreiben bedeuten für diese Kinder deutlich mehr Anstrengung.

Lesen ist Schwerstarbeit

Beim Lesen muss das Gehirn gleichzeitig Buchstaben erkennen, Laute zuordnen, Wörter zusammensetzen und deren Bedeutung erfassen. Für viele Kinder läuft das irgendwann automatisch ab. Für Kinder mit Legasthenie oder LRS oft nicht.

Was für andere ein gemütlicher Spaziergang ist, fühlt sich für sie manchmal eher wie ein Waldweg voller Wurzeln und Stolpersteine an. Sie kommen voran – aber sie brauchen dafür deutlich mehr Energie. Und wo viel Energie verbraucht wird, lässt die Aufmerksamkeit schneller nach. Das ist keine Faulheit. Das ist Anstrengung.

Warum die Natur ein wunderbarer Lernort sein kann

Kinder lernen nicht nur am Schreibtisch. Die Natur bietet etwas, das vielen Kindern mit LRS guttut: Ruhe, Bewegung, echte Erfahrungen und keinen Leistungsdruck. Ein Vogel ruft, Blätter rascheln, der Wind bewegt die Bäume. Die Aufmerksamkeit wird angesprochen, ohne dass sofort das Gefühl entsteht: „Jetzt werde ich geprüft.“ Genau darin liegt ihre Stärke.

Eine einfache Übung besteht darin, gemeinsam nach draußen zu gehen und für einen Moment die Augen zu schließen. Welche Geräusche sind zu hören? Vielleicht ein Vogel, der Wind oder ein entferntes Auto. Anschließend könnt ihr darüber sprechen, was nah oder weit weg war, was laut oder leise geklungen hat. Dabei trainiert dein Kind ganz nebenbei wichtige Fähigkeiten, die auch beim Lesen gebraucht werden: wahrnehmen, unterscheiden und ordnen.

Ebenso wertvoll sind kleine Suchaufträge. Fünf Steine finden, etwas Rundes entdecken oder etwas Raues suchen. Die Aufmerksamkeit bekommt dadurch eine Richtung. Das Kind schaut genauer hin, vergleicht und trifft Entscheidungen – genau die Fähigkeiten, die auch beim Lesen und Schreiben wichtig sind.

Sprache begreifen statt nur sehen

Aus Stöcken, Steinen oder Zapfen lassen sich wunderbar Buchstaben legen. Ein A aus Ästen, ein O aus Steinen oder der Anfangsbuchstabe des eigenen Namens. Sprache wird dadurch sichtbar und greifbar. Viele Kinder lernen leichter, wenn mehrere Sinne gleichzeitig beteiligt sind.

Auch eine Laut-Schatzsuche macht Kindern oft großen Spaß. „Was finden wir mit S?“ Stein, Stock oder Sonne. „Was finden wir mit B?“ Baum, Blatt oder Beere. Dabei geht es nicht um perfekte Rechtschreibung, sondern darum, Sprache bewusst wahrzunehmen und spielerisch mit Lauten umzugehen.

Druck herausnehmen

Viele Kinder mit LRS haben bereits erlebt, dass andere schneller lesen oder schreiben können. Manche beginnen deshalb schon vor einer Aufgabe zu zweifeln. Draußen verändert sich die Situation. Der Schreibtisch ist weg. Das Arbeitsblatt ist weg. Der rote Stift ist weg. Stattdessen gibt es Bewegung, Natur und gemeinsames Entdecken.

Das Kind übt wichtige Grundlagen, ohne ständig das Gefühl zu haben, bewertet zu werden. Genau deshalb können solche Momente so wertvoll sein.

Fazit

Kinder mit Legasthenie brauchen nicht den Satz: „Konzentrier dich doch einfach mehr.“ Sie brauchen Verständnis, passende Förderung und Erwachsene, die ihre Anstrengung sehen.

Und manchmal brauchen sie einfach einen Spaziergang, offene Ohren, wache Augen und einen kleinen Stein, aus dem plötzlich ein Buchstabe wird.

Vielleicht beginnt Lernen nicht immer mit einem Arbeitsblatt.

Vielleicht beginnt es mit einem Geräusch. Mit einem Zapfen. Mit einem Stock.

Und mit einem Kind, das merkt:

Ich kann aufmerksam sein. Ich kann Sprache entdecken. Ich kann lernen. Auf meine Weise.

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