Mehr als Arbeitsblätter – warum Kinder mit Legasthenie echtes Erleben brauchen

Beitragsbeschreibung

5/10/20262 min read

Am Freitag durfte ich am Staatsinstitut einen Workshop für angehende und tätige Förderlehrkräfte halten. Es waren engagierte, offene Menschen dabei – mit großem Herzen für ihre Schülerinnen und Schüler. Und trotzdem blieb bei mir ein Gedanke besonders hängen:

Viele Kinder mit Legasthenie verbringen ihren Schulalltag immer noch hauptsächlich mit Arbeitsblättern.

Mehr lesen. Mehr schreiben. Mehr üben.

Doch genau das ist oft der Punkt, an dem diese Kinder innerlich aussteigen.

Nicht, weil sie nicht lernen wollen.
Sondern weil sie jeden Tag erleben, dass Lernen sich für sie schwer anfühlt.

Lernen beginnt nicht erst beim Lesen

Lesen, Schreiben und Rechnen entstehen nicht einfach „im Kopf“. Dahinter liegen wichtige Grundlagen: Wahrnehmung, Körperspannung, Rhythmusgefühl, auditive Verarbeitung, visuelle Differenzierung, Konzentration und die Fähigkeit, Sinneseindrücke miteinander zu verknüpfen.

Wenn diese Grundlagen unsicher sind, helfen zusätzliche Arbeitsblätter oft nur begrenzt.

Ein Kind kann zehn weitere Wörter abschreiben – und trotzdem Schwierigkeiten behalten, Laute sicher herauszuhören oder Buchstaben stabil zu speichern.

Genau deshalb brauchen Kinder mit Legasthenie manchmal etwas anderes:
mehr Bewegung, mehr Spiel, mehr echtes Erleben.

Der Mut, über den Tellerrand zu schauen

Im Workshop haben wir darüber gesprochen, wie wertvoll spielerische Übungen sein können. Und ich habe gemerkt: Viele Lehrkräfte würden gern mehr ausprobieren – trauen sich aber nicht immer.

Vielleicht, weil man Sorge hat, nicht „ernst genug“ zu arbeiten.
Vielleicht, weil Spiele im Schulalltag schnell als Zeitverlust wirken.
Vielleicht auch, weil Arbeitsblätter einfach verfügbar und vertraut sind.

Doch Kinder lernen nicht nur am Tisch.

Sie lernen beim Werfen und Fangen von Silben.
Beim Klatschen von Rhythmen.
Beim Balancieren und gleichzeitigen Reimen.
Beim Hören, Sortieren, Bewegen, Lachen und Ausprobieren.

Gerade Kinder mit Legasthenie brauchen oft Lernmomente, die leicht wirken dürfen.

Spielen ist kein Gegensatz zu Lernen

Ein Spiel kann Konzentration trainieren.
Ein Bewegungsparcours kann die Raumorientierung stärken.
Ein Rhythmusspiel kann die phonologische Bewusstheit fördern.
Ein Tastspiel kann Wahrnehmung und Merkfähigkeit unterstützen.

Und plötzlich passiert etwas Wunderschönes:

Das Kind erlebt sich nicht mehr nur als „das Kind, das nicht richtig lesen kann“.

Sondern als Kind, das mit Freude lernt.
Das etwas schafft.
Das Erfolg spürt.

Diese Erfahrungen sind mindestens genauso wichtig wie das eigentliche Üben.

Kinder brauchen Lehrkräfte, die sich etwas trauen

Nicht jede Stunde muss perfekt sein.
Nicht jede Methode funktioniert bei jedem Kind.

Aber manchmal entsteht Entwicklung genau dann, wenn wir bereit sind, neue Wege auszuprobieren.

Kinder mit Legasthenie brauchen keine perfekten Fördermaterialien.
Sie brauchen Erwachsene, die hinschauen. Die flexibel bleiben. Die sich fragen:

Was braucht dieses Kind wirklich, damit Lernen möglich wird?

Und manchmal lautet die Antwort eben nicht:
„Noch ein Arbeitsblatt.“

Sondern:
„Ein Spiel.“
„Eine Bewegung.“
„Ein gemeinsames Erlebnis.“
„Eine andere Herangehensweise.“

Mein Wunsch an Lehrkräfte

Habt den Mut, eure Förderstunden lebendig zu machen.
Habt den Mut, Dinge auszuprobieren.
Habt den Mut, Lernen ganzheitlich zu sehen.

Denn oft entstehen die größten Fortschritte nicht im stillen Abarbeiten von Aufgaben – sondern in den Momenten, in denen Kinder wieder neugierig werden.

Und genau dort beginnt nachhaltiges Lernen.