Was Kinder vor der Einschulung wirklich brauchen
Die wichtigsten Grundlagen für einen guten Start in die erste Klasse
9/10/20264 min read


Kann Ihr Kind schon seinen Namen schreiben? Bis zehn zählen? Vielleicht sogar erste Wörter lesen?
Schön – aber das sind gar nicht die wichtigsten Voraussetzungen für einen guten Schulstart.
Viele Eltern machen sich im letzten Kindergartenjahr Gedanken darüber, ob ihr Kind „schulreif“ ist. Dabei richtet sich der Blick schnell auf Buchstaben, Zahlen, erste Rechenaufgaben oder darauf, ob ein Kind schon ein wenig lesen kann.
Doch bevor ein Kind Lesen, Schreiben und Rechnen lernt, braucht es ganz andere Grundlagen.
Lernen beginnt lange vor der ersten Klasse
Schulisches Lernen baut auf vielen Fähigkeiten auf, die Kinder schon lange vor dem ersten Schultag entwickeln.
Dazu gehören Wahrnehmung, Sprache, Bewegung, Aufmerksamkeit, Selbstständigkeit und die Fähigkeit, mit kleinen Misserfolgen umzugehen.
Ein Kind muss diese Bereiche nicht perfekt beherrschen. Aber je stabiler die Grundlagen sind, desto leichter kann es später neue Lerninhalte aufnehmen.
Aufmerksamkeit – bei einer Sache bleiben
In der Schule muss ein Kind zuhören, Arbeitsaufträge verstehen und sich für eine gewisse Zeit mit einer Aufgabe beschäftigen können.
Dabei geht es nicht darum, dass ein Vorschulkind eine halbe Stunde still am Tisch sitzt.
Viel wichtiger ist die Frage:
Kann es sich auf ein Spiel, eine Geschichte, eine Bastelarbeit oder eine Aufgabe einlassen und eine Weile dabeibleiben?
Auch das Zuhören spielt eine große Rolle. Kann ein Kind einer kurzen Erklärung folgen? Kann es sich zwei oder drei kleine Arbeitsschritte merken und umsetzen?
Diese Fähigkeiten bilden später eine wichtige Grundlage für den Schulalltag.
Sprache – verstehen, erzählen und Fragen stellen
Sprache begleitet fast alles, was in der Schule passiert.
Ein Kind sollte sich verständlich ausdrücken können, Fragen stellen und erzählen können, was es erlebt hat.
Ebenso wichtig ist das Sprachverständnis.
Versteht das Kind Aufforderungen wie:
„Hol bitte deine Jacke, zieh deine Schuhe an und komm anschließend zur Tür“?
Kann es einer Geschichte folgen und anschließend etwas darüber erzählen?
Ein guter Wortschatz und ein sicheres Sprachverständnis erleichtern später nicht nur das Lesenlernen, sondern auch Mathematik, Sachunterricht und viele andere Bereiche.
Wahrnehmung – genau sehen, hören und unterscheiden
Bevor Kinder Buchstaben sicher unterscheiden oder Wörter richtig hören können, brauchen sie gut entwickelte Sinneswahrnehmungen.
Kann ein Kind Formen voneinander unterscheiden?
Erkennt es Unterschiede zwischen ähnlichen Bildern?
Kann es hören, ob zwei Wörter gleich oder unterschiedlich klingen?
Kann es Geräusche zuordnen oder heraushören, woher ein Geräusch kommt?
Auch die räumliche Orientierung spielt eine Rolle. Begriffe wie rechts, links, oben, unten, davor oder dahinter begegnen Kindern später ständig.
Diese scheinbar kleinen Fähigkeiten sind wichtige Bausteine für Lesen, Schreiben und Rechnen.
Motorik – nicht nur den Stift richtig halten
Für den Schulstart ist auch eine gute Motorik wichtig.
Dazu gehört die Feinmotorik:
Schneiden, malen, kleben, kneten, auffädeln, kleine Dinge greifen und natürlich auch der Umgang mit einem Stift.
Aber auch die Grobmotorik ist wichtig.
Balancieren, hüpfen, klettern, werfen, fangen und sich sicher bewegen zu können, unterstützt die gesamte körperliche Entwicklung.
Kinder brauchen deshalb vor der Einschulung nicht mehr Arbeitsblätter.
Sie brauchen Bewegung.
Sie brauchen Spiel.
Sie brauchen Erfahrungen mit ihrem eigenen Körper.
Selbstständigkeit – kleine Dinge allein schaffen
Der Schulalltag verlangt Kindern einiges an Selbstständigkeit ab.
Jacke anziehen.
Schuhe wechseln.
Brotzeitdose öffnen.
Die eigenen Sachen wiederfinden.
An etwas denken.
Zur Toilette gehen.
Einen Rucksack ein- und auspacken.
Das klingt selbstverständlich, ist aber für Kinder ein wichtiger Schritt.
Wer kleine Alltagsaufgaben selbst bewältigen kann, erlebt: „Ich kann das.“
Und genau dieses Gefühl stärkt Kinder auch beim Lernen.
Frustration aushalten und nicht sofort aufgeben
Vielleicht ist das eine der wichtigsten Fähigkeiten überhaupt:
Etwas klappt nicht sofort.
Ein Turm fällt um.
Ein Bild sieht anders aus als geplant.
Ein Puzzle ist schwierig.
Das Spiel wird verloren.
Und trotzdem versucht das Kind es noch einmal.
Lernen bedeutet immer auch, Fehler zu machen.
Kinder müssen deshalb nicht vor jedem Misserfolg geschützt werden. Sie brauchen vielmehr die Erfahrung:
„Ich darf etwas noch nicht können.“
„Ich darf Fehler machen.“
„Ich kann es noch einmal versuchen.“
Miteinander lernen
Schule findet nicht allein statt.
Kinder müssen warten können, andere ausreden lassen, Regeln einhalten, teilen, um Hilfe bitten und kleine Konflikte bewältigen.
Natürlich gelingt das keinem Kind immer.
Doch die Fähigkeit, sich in eine Gruppe einzufügen und eigene Bedürfnisse auch einmal kurz zurückzustellen, erleichtert den Start in die Schule enorm.
Erste Grundlagen für Lesen und Schreiben
Kinder müssen vor der Einschulung weder lesen noch schreiben können.
Bestimmte spielerische Vorläuferfähigkeiten sind jedoch hilfreich.
Dazu gehört beispielsweise:
Reime erkennen.
Silben klatschen.
Hören, mit welchem Laut ein Wort beginnt.
Ähnliche Geräusche unterscheiden.
Formen und Zeichen genau betrachten.
Diese Dinge lassen sich wunderbar im Alltag und beim Spielen fördern – ganz ohne Vorschulstress.
Und wie sieht es mit Mathematik aus?
Auch hier gilt: Ein Kind muss vor der Schule keine Rechenaufgaben lösen können.
Viel wichtiger ist ein grundlegendes Verständnis für Mengen.
Was ist mehr?
Was ist weniger?
Wo sind gleich viele?
Wie viele Punkte sehe ich auf dem Würfel, ohne sie einzeln abzählen zu müssen?
Zählen, Sortieren, Bauen und Vergleichen sind hervorragende Vorbereitungen auf Mathematik.
Und auch dafür braucht es keine Arbeitsblätter.
Beim Tischdecken, Backen, Einkaufen oder Spielen entstehen ganz automatisch mathematische Erfahrungen.
Muss mein Kind all das können?
Nein.
Kein Kind startet mit exakt denselben Voraussetzungen in die Schule.
Kinder entwickeln sich unterschiedlich schnell und haben ihre eigenen Stärken und Schwächen.
Entscheidend ist nicht, ob ein Kind jeden Punkt auf einer Liste erfüllt.
Wichtiger ist, aufmerksam hinzuschauen, wenn mehrere grundlegende Fähigkeiten noch deutlich schwerfallen oder ein Kind bestimmte Situationen konsequent vermeidet.
Dann kann es sinnvoll sein, genauer zu schauen, wo Unterstützung helfen könnte.
Das Wichtigste vor dem ersten Schultag
Ein Kind muss vor der Schule kein perfekter kleiner Schüler sein.
Es muss nicht lesen können.
Es muss nicht rechnen können.
Und es muss auch keine Arbeitsblätter im Akkord bearbeiten.
Viel wichtiger sind Neugier, Selbstvertrauen, Bewegung, Sprache, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und die Erfahrung:
„Ich darf lernen. Ich darf Fehler machen. Und ich kann Dinge schaffen.“
Das ist ein wunderbares Fundament für alles, was in der Schule noch kommen wird.
Diana von der Wortkraftwerkstatt
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